E-Book - Das Sterben der Bilder : Britta : Krimi

Britta Hasler

Britta Hasler

1982 war ein guter Jahrgang, aber erst aus späterer Sicht. Ich war noch jung genug, dass die Katastrophen der 80er Jahre unbemerkt an mir vorbei zogen. Ich erinnere mich an Tschernobyl, Mauerfall und Schulterpolster nur vage, nichts von all dem hat mir etwas ausgemacht. Im Nachhinein fallen mir Schlagworte ein wie saurer Regen, Ostblock oder auch Bahnhof Zoo. Ein bisschen Angst hatte ich damals schon, aber nur weil ich nichts darüber wusste, aber ahnte, dass Angst einfach immer eine Rolle spielt. Ansonsten waren die vielen Sterne und Spiegel, die bei uns auf dem Wohnzimmertisch lagen tolle Heftchen mit bunten Bildern, die nur noch deswegen so viel Macht hatten über kindliche Fantasie, weil ich sie nicht verstand und erst pünktlich zur ersten Klasse lesen lernte. Und mit 18 war ich beleidigt, dass ich das Schönste an den 80ern verpasst hatte.

Die Musik. Meine Eltern schickten mich schon früh auf die Suche nach intellektuellen Ausdrucksmöglichkeiten. Malwettbewerbe. Musikalische Früherziehung. Blockflöte. Büchereiausweis. Das war alles sehr nett. Ich glaube, den Büchereiausweis habe ich am häufigsten benutzt.

1990 waren wir auf dem Rückweg von der Nordsee; das Kassettendeck im Auto war kaputt, und auf den Schock, dass kein Rolf Zuckowski uns die Heimfahrt versüßen und unsere Eltern terrorisieren würde, folgte die Frage, wie es diese Wüstenei zu überstehen galt. Meine Schwester schlief alsbald ein, Spuckefäden ziehend. Und ich dachte an weißes Papier und an eine Figur, die ich mir gerade ausgedacht hatte, einfach so. Sie hieß Tante Selma, wohnte in einem krummen Haus und schenkte Kindern Karamellbonbons und hatte eine Nähmaschine. Das war im Wesentlichen meine erste Geschichte, und ich schrieb sie auf, als wir zu Hause waren und meine Mama mit der Urlaubswäsche kämpfte. Tante Selma fasste fünf DinA 4 Seiten, und ich war mächtig stolz. Auf nichts Bestimmtes. Aber ich hatte etwas gefunden, das sich einfach gut anfühlte. Was sich noch besser anfühlte war der freie Zugang zu einer Schreibmaschine. Einen Computer habe ich zum ersten Mal mit…ja, ich glaube da war ich 15, gesehen. Da war sie, die Ausdrucksmöglichkeit, aber ich habe sie nicht als solche begriffen. Es war einfach ein Drang, und es war schön ihm nachzugehen. Und es ist natürlich die Wachstumsdroge für eine Teenager-Seele. Schreiben als Identität. Schaut her, ich schreibe. Ich bin etwas Besonderes. Ich gehe nicht aufs Backstreet Boys – Konzert, ich schreibe. Ich habe Vampirgeschichten geschrieben (ja, ich war wirklich in jeder Hinsicht normal). Damals gab es den Hype, den wir heute kennen, noch nicht. Und manchmal könnte ich mich wirklich hinten rein beißen und frage mich: Warum hat niemand mein jugendliches Geschreibsel genommen und auf den Markt geworfen. Oder wenigstens aufgehoben und es vor vier Jahren getan. Ich wäre heute eine reiche Frau….

Aber es kam alles ganz anders. Ich erlebte all das, was wohlbehütete Scheidungskinder aus bildungsbürgerlichem Haushalt eben manchmal erleben. Ich las nicht, ich konsumierte. Bücher. Ich nahm sie mit in die Schule, um zu kaschieren, dass ich längst den Faden verloren hatte. Ich war ahnungslos, mit schlechten Noten ausgezeichnet, aber ein Buch im Chemie-Unterricht gab mir den Anstrich von ein wenig Würde. Dachte ich. Irgendeine Art von Interesse, so glaubte ich, würde mir das Wohlwollen meiner Lehrer sichern. Von wegen. Ich flog durchs Abitur, ich wiederholte es. Ich studierte wenig Zukunftsweisendes. Prügelte Männer gegen Geld, aber das ist eine andere Geschichte (www.nora-schwarz.de). Und ich fand zu meiner Ausdrucksweise zurück. Nach all den Malwettbewerben, Klavierstunden, Kunstleistungskursen, Germanistikprüfungen fand ich zu Tante Selma zurück. Das erzählte ich natürlich nicht auf dem Arbeitsamt, zu dem ich mich nach erfolgreicher Magisterprüfung aber bar jeglicher Berufsaussichten schleppte. „Was wollen Sie werden? Autorin? Danke, jetzt haben Sie mich aber echt zum Lachen gebracht.“ Wir leben in einer krisengeschüttelten Zeit. Und der Beruf des Schriftstellers ist die krisenglasierte Kirsche auf der kriseligen Schlagsahne dieses Lebens. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht. Einen Weg sucht man sich nicht aus, man geht ihn einfach. Man spürt irgendwie, dass man nur diesen einen gehen kann. So schwierig das auch manchmal ist. Es ist eine Bilanz in meinem bisherigen Leben, die jeden Realisten zum Stöhnen und jeden Hollywood-Drehbuchautor zum Strahlen bringen würde. Was kann ich am Besten? Was liebe ich am meisten? Womit will ich dieses Leben verbringen? Es bleibt nur eine Antwort übrig. Bei Karrieren wie der Mutter von Harry Potter oder den Schöpferinnen von Gentleman-Vampiren und SadoMaso-Überfliegern sollte man ja eigentlich meinen, dass wenigstens die Verlagsbranche ein seliges Inselchen im kapitalistischen Krisengebiet ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Gerade wegen diesen Mammut-Karrieren wird der Verlagsbranche eine Richtung vorgegeben, denen fast alle Publikumshäuser folgen wie schlafwandelnde Mondsüchtige. Der Platz für neue Ideen wird kleiner, andere Ansätze, kurzum: Manuskripte, die nicht mitschwimmen auf den tosenden Wellen der Vorjahreserfolge haben noch weniger Überlebenschancen als ein Hundebaby in einer Küche in Fernost. Dazu kommt die große Weiche der elektronischen Bücher, die alles verstellt, alles umleitet. Und vielleicht auch Angst auslöst. Ich bin glücklich und dankbar, einen Verlag gefunden zu haben, dessen Ansätze ehrlich idealistisch, aber nicht weltfremd sind. Der nicht im Hamsterrad kapitalistischer Vertriebsinteressen seine Seele verliert. Der an gute Stoffe und gute Autoren glaubt und sie nicht mit den Siegern der letzten Buchmesser vergleicht. Danke Dotbooks.

Über meinen Roman

Ich gebe es zu, ich bin eine hoffnungslose Nostalgikerin. Die Vergangenheit reizt mich viel mehr als die Zukunft. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, würde ich zu einem Super-Physiker sagen: „Danke ich nehme lieber die Zeitmaschine. Die Marsfähre kannst du jemand anderem schenken.“

Und wenn ich dann so eine Zeitmaschine hätte, würde ich besseren Wissens eine Epoche wählen, in der Frauen es selbstverständlich miserabel schlecht hatten, und damit meine ich nicht das Mittelalter mit Wanderhuren, deren Töchtern und Enkelinnen. Mein Agent hat mir einmal gesagt, dass das Genre Historischer Roman eigentlich die Zeit zwischen 1250 und 1550 abdeckt. Davor oder danach? Gab es ein davor oder danach? Gibt es eine andere Vorstellung dieser Zeit, die außerhalb einer weiblichen Hauptfigur liegt? Schaut Euch die Abteilung „Historisch“ in den großen Buchhandlungen an, und ihr werdet sehen.

Mich faszinieren die Großstädte der Wende zum 20. Jahrhundert. Die tausend verschiedenen Leben, die man darin leben konnte. Deswegen spielt „Das Sterben der Bilder“ in Wien und der Schmelztiegel ist das wunderbare Kunsthistorische Museum. Ich habe selbst einige Jahre in verschiedenen Kunstmuseen gearbeitet, als Aufpasserin, als Museumsführerin. Es ist eine schöne Welt, in der man aber irgendwie zwischen allen Dingen hängt. Du bist nicht qualifiziert genug, ein solches Museum zu leiten, nicht begabt genug, ein Gemälde zu malen, du bewegst dich am Rande und versuchst den Besuchern auf dem Silbertellerchen deiner Liebe für die Kunst etwas über ihre Welt zu vermitteln. So geht es auch meiner Hauptfigur Julius Pawalet. Er liebt die Kunst, aber in seinem Leben gibt es keinen Platz dafür. Er hat ein besonderes Gespür für das Leben hinter den Gemälden, aber er ist zu einfach, als dass irgendjemand ihm zuhört. Ich habe versucht, so viel Persönliches wie möglich in diesen Roman einfließen zu lassen. Ein Stück meiner eigenen, einstigen Verlorenheit. Meine Liebe zur Kunstgeschichte. Meine Faszination für Wien, für die Jahrhundertwende. Meine dunkle Ader. Mein Alter Ego, das in der Figur Luise von Schattenbach eine Entsprechung findet. Sie verkörpert das, was ich gerne wäre, wenn ich dank einer Zeitmaschine im Wien um 1905 landen würde: Jugendstil-Domina.

Dieser Roman ist gewissermaßen meine Zeitmaschine. Ich bin dort gelandet und fühle mich wohl dort. Und ich wünsche viel Freude beim Lesen.